Das besondere Schachspiel - Teil 1: Staunton 1849

Freitag, 18. Oktober 2019

Unsere heute gängigen Turnier-Schachfiguren gehen auf ein Design zurück, das im Jahr 1849, vor ziemlich genau 170 Jahren, das Licht der Welt erblickte. Die so genannte Staunton-Form verdankt ihren Namen einem der besten, vielleicht dem besten Schachspieler der Mitte des 19. Jahrhunderts: Howard Staunton. Allerdings war Staunton eher Werbeträger als Entwickler der Figuren. Auf wen der Designentwurf zurückgeht, ist bis heute nicht letztgültig geklärt. Sicher ist, dass der zu dieser Zeit bereits renommierte Londoner Spiele-Hersteller John Jaques am 29. September 1849 den kommerziellen Vertrieb der Figuren startete. Der Entwurf wird meist seinem Schwager Nathaniel Cook zugeschrieben, der wiederum Howart Staunton für die Form begeistern konnte.

Staunton 1849 SpringerDurch den Einfluss Howard Stauntons gewann das Figurendesign schnell an Popularität und konnte sich – mit stets leichten Abwandlungen – innerhalb weniger Jahre als eine Art Standard in der Schachwelt durchsetzen, der bis heute seine Gültigkeit behalten hat. Dies ist auch auf die klassisch-schlichte Schönheit der Form in Verbindung mit Funktionalität und vergleichsweise leichter Reproduzierbarkeit zurückzuführen. Aufwändigstes Merkmal ist sicherlich der detailliert dargestellte Springer, dessen Aussehen von den Elgin Marbles inspiriert sein soll, also jenen Elementen, die Lord Elgin Anfang des 19. Jahrhunderts aus Bauten der Athener Akropolis entwendet und an das Britisch Museum verkauft hat. Die heutigen Staunton-Formen sind meist weiter vereinfacht, als Referenz dient aber immer das Original von 1849. Die Firma Jaques of London ist nach wie vor im Spielevertrieb tätig, lässt Schachfiguren aber im Fernen Osten herstellen.

Bei dem hier abgebildeten Schachspiel handelt es sich um eine originalgetreue Reproduktion. Die Königshöhe beträgt stolze 4,4", also gut 11 cm. Die weißen Figuren wurden aus Buchsbaum, die schwarzen aus Ebenholz gefertigt. Der gesamte Figurensatz wiegt annähernd 2 kg. Auffallend ist die sichtbar geprägte Kennzeichnung der Springer und Türme auf der Königsseite, die auf die damals übliche beschreibende Notation zurückgeht. Übrigens waren noch im WM-Kampf zwischen Boris Spassky und Robert James Fischer 1972 in Reykjavik die Figuren auf diese Weise gekennzeichnet, weil Fischer nach wie vor die alte Notation verwendete. Die Figuren dort waren natürlich ein modifiziertes Staunton-Design, gelten aber heute auch als klassisch.

In Teil 2 der Serie werden wir diesen Reykjavik-Figurensatz näher vorstellen.