Zwischenruf aus der Corona-Wüste

Montag, 8. Juni 2020

Von Marco Schwinning

Drei Monate ist es inzwischen her, dass wir als Schachspieler zum Vereinsabend zusammengekommen sind oder unseren letzten regulären Liga-Mannschaftskampf gemeinsam bestritten haben – eine kleine Ewigkeit und höchste Zeit für eine Rückbesinnung und vielleicht einen kleinen Ausblick.

Vieles ist in der Zwischenzeit liegengeblieben. Turniere wurden unterbrochen, womöglich abgebrochen, der Ligabetrieb ruht, Training findet nicht statt. Die eigentliche Vereinsarbeit ist zum Erliegen gekommen, weil es derzeit nichts gibt, um das man sich kümmern könnte. Darüber können leider auch die Online-Angebote für Schachspieler nicht hinwegtäuschen: Schach als Vereinssport lebt von der Kommunikation, vom vertrauten Umgang miteinander, letztlich von zwischenmenschlicher Nähe. Diese aufrechtzuerhalten, ist in einer Zeit ausdrücklicher Kontaktbeschränkung kaum möglich. Auch ein Online-Artikel ist nur ein schwacher Ersatz, aber ich möchte wenigstens versuchen, daran zu erinnern, dass da mehr ist als nur Corona, etwas, das diese globale Krise hoffentlich ohne bleibenden Schaden überdauern wird.

Zunächst einmal ist dieses Jahr 2020 ein Jubiläumsjahr: die Spvgg. Sterkrade-Nord feiert ihren 100. Geburtstag! Na ja, zumindest hätte es eine große Feier werden sollen, die Planungen dazu liefen seit einigen Jahren. Nun sind zwar alle Feierlichkeiten abgesagt, aber wenigstens hätten wir einen Grund zum Feiern. Wer sich über die Geschichte des Vereins informieren möchte, kann dies übrigens mit der pünktlich erschienenen Festschrift tun. Einige ausgewählte Mitglieder haben diese bereits erhalten. Wer Interesse hat, meldet sich bitte bei mir, damit ich weitere Exemplare sichern kann.

Sterkrade-Nord, das ist natürlich nicht nur Schach, sondern eine ganze Reihe anderer Sportarten. Die Schachabteilung ist längst nicht so alt wie der Gesamtverein, aber im kommenden Jahr haben die Schachspieler ihren eigenen Anlass zum Feiern: Die Schachabteilung wird 2021 vierzig Jahre alt, gegründet am 16. Februar 1981. Wir blicken durchaus auf eine bewegte Geschichte zurück – mehr darüber in der Festschrift. Ich möchte hier lieber kurz auf die im Grunde nach wie vor aktuelle Saison, die Corona-Saison, zu sprechen kommen.

Nein, ich weiß derzeit noch nicht, ob und wie es weitergeht bzw. wie im Falle eines endgültigen Abbruchs zu verfahren wäre – die Entscheidung liegt bei anderen. Es sollte aber nicht in Vergessenheit geraten, dass wir mit insgesamt sechs Mannschaften eine äußert erfolgreiche Saison gespielt haben, wenn auch mit offenem Ausgang. Zum Zeitpunkt der Unterbrechung lagen drei unserer Mannschaften auf dem jeweiligen Spitzenplatz ihrer Liga, allen voran, natürlich die Kreisliga-Mannschaft, die bereits zwei Spieltage vor Saisonschluss nicht mehr einzuholen gewesen wäre. In sportlicher Hinsicht handelt es sich wohl um das bisher erfolgreichste Schachjahr der Nordler – mit dem Haken, dass wir nun seit Monaten darauf warten, was wird.

Das gilt nicht minder für unseren vereinsinternen Spiel- und Trainingsbetrieb. Gerne würde ich verkünden, dass wir ab sofort weitermachen wie zuvor. Ganz so einfach ist das aber leider nicht. Grundschulen öffnen wieder, Kontaktsport darf im Freien ausgeübt werden, aber so ein vermeintlich harmloses Vergnügen wie ein Schach-Vereinsabend bleibt weiterhin ausgesetzt – warum ist das so?

Tatsächlich befinden wir uns als Schachspieler in einer ganz besonderen Situation. Wir üben nicht gerade einen Kontaktsport aus, aber dennoch fällt unser gemeinsames Hobby unter das Verdikt der geltenden Abstandsregelungen in geschlossenen Räumen. Beim Schach sitzen wir uns direkt gegenüber, meist mit deutlich geringerem Abstand als 1,50m, wir hantieren paarweise mit demselben Sportgerät und hegen eine tief sitzende Abneigung gegen Frischluftzufuhr. Ein normaler Vereinsabend ist mit den derzeit erforderlichen Hygienemaßnahmen nicht ernsthaft durchzuführen: Mundschutz, Handschuhe, Desinfektion des Spielmaterials, Abstand, Datenerfassung und Dauerdurchzug unter besonderer Berücksichtigung der Risikogruppen – ich habe meine Zweifel, ob Schach in dieser Form überhaupt Spaß machen könnte.

Hinzu kommt der Umstand, das Schulräumlichkeiten wie z.B. unser Spiellokal gegenwärtig nicht in gewohnter Weise durch Außenstehende genutzt werden können. Daran und an den geltenden Kontaktbeschränkungen wird sich vor Beginn der Sommerferien (29. Juni) wohl nichts mehr ändern.

Ob dann ab August wieder so etwas wie Normalität einkehrt, können wir nur hoffen. Wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt und ob die Kontakt-, Abstands und Hygieneregelungen weiter gelockert werden. Um mal ein wenig Optimismus zu verströmen: ich gehe fest davon aus, dass der Drang nach Normalität sich bald durchsetzen wird. Dann werden wir uns wieder am Vereinsabend zusammenfinden und uns miteinander darüber freuen, mit dem Schrecken davongekommen zu sein.

Bis dahin wünsche ich allen auch weiterhin Gesundheit und Geduld.

Marco Schwinning, Abteilungsleiter Schach