Das besondere Schachspiel - Teil 2: Reykjavik 1972

Donnerstag, 21. November 2019

Von Marco Schwinning

Die Schach-WM 1972 in Reykjavik, bei der Robert James Fischer den russischen Weltmeister Boris Spasski entthronte, gehört zu den legendären Ereignissen der Schachgeschichte. Dabei ranken sich die Legenden weniger um die gespielten Partien, sondern um all die kleinen Begebenheiten, die sich neben, unter und hinter dem Brett abspielten.

Reykjavik Figurensatz

Das Gerangel um Preisgelder, Spielbedingungen, um surrende Kameras, verwanzte Stühle und telepathische Zuschauer ging natürlich von der – gelinde gesagt – vielschichtigen Persönlichkeit Fischers aus, fand aber in der paranoid aufgeladenen Atmosphäre des Kalten Krieges einen fruchtbaren Nährboden. Letztlich konnte Fischer den Kampf mit 12,5:8,5 für sich entscheiden und damit die sowjetische Nachkriegsherrschaft im Schach brechen.

Trotz der zumindest zweifelhaften Publicity löste die Weltmeisterschaft einen regelrechten Schachboom aus. Schach war in den Medien vertreten wie niemals zuvor, und selbst Menschen, die nichts mit Schach am Hut hatten, kannten den Namen Bobby Fischer. Von einem solchen Boom kann die Schachwelt heute nur noch träumen, aber neben der nostalgischen Verklärung gibt es auch ein ganz handfestes Überbleibsel von 1972: den Reykjavik Figurensatz.

Turm, Läufer, SpringerDie Figuren, die bei dem Match zum Einsatz kamen, gehören wohl zu den wenigen Dingen, über die Bobby Fischer sich nicht beschwert hat. Das wäre aber auch schwergefallen, denn sie zählen zu den besten und ausgewogensten Figuren, die jemals entworfen wurden, und gelten bis heute – in verschiedenen Nachbildungen wie hier – als der kassische Figurensatz schlechthin.

Hersteller der WM-Figuren war Jaques of London, also diejenige Firma, die das Staunton-Design Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden und auf den Markt gebracht hat (siehe Teil 1). Die Treue zum ursprünglichen Staunton-Design ist gut zu erkennen, z.B. an der im Verhältnis zum König deutlich kleineren Dame, dem schön ausgearbeiteten Springer und der Größenabstufung der Figuren vom König bis zum Bauern. Doch es wurden auch leichte Modernisierungen vorgenommen, die dem Figurensatz seinen markanten Charakter verleihen.DGT Classic

Während der König schlank, mit feinem Kreuz und breitem Sockel fast identisch mit dem Original von 1849 ist, erscheint die Dame etwas mächtiger als zuvor, mit größerem Kopf und schlichter, robuster Krone. Ebenfalls kräftiger wirkt der Läufer mit rundlicherem Kopf und nur ganz schmalem Einschnitt. Der Springer ist nicht mehr so detailliert geschnitzt wie im Jahrhundert davor und reicht fast an die Größe des Läufers heran. Beim Turm wurden die Zinnen hochgezogen, was ihm sogar eine gewisse Eleganz verleiht, während der Bauer nun sichtbar kompakter auftritt als sein Ahne.

DGT Classic KunststoffInsgesamt ist es ein sehr harmonischer Figurensatz, der sehr gut in der Hand liegt und dessen Gesamterscheinungsbild ohne herausragende Einzelmerkmale der Figuren sehr attraktiv ist. Daher verwundert es nicht, dass dieser Satz als Vorlage für die Figuren diente, welc

he heute noch in vielen Vereinen zu finden sind und oft als Classic Staunton bezeichnet werden. Darüber täuschen auch leichte Variationen, z.B. im Zuge der Massenfertigung vereinfachte Springer, nicht hinweg. Der niederländische Hersteller DGT bietet einen solchen vereinfachten Satz unter der Bezeichnung Classic für seine elektronischen Schachbretter an, und sogar die Kunststoff-Figuren desselben Produzenten sind stark an das Reykjavik-Design angelehnt, nur noch ein wenig schlichter und noch robuster für den harten Dauereinsatz in Vereinen oder auch Schulen.

Aber um noch einmal auf Bobby Fischer zurückzukommen, seine Lieblingsfiguren waren es trotz aller Vorzüge nicht. Das waren bekanntlich die Figuren der Schacholympiade 1950 in Dubrovnik – über die wir ein andermal plaudern werden.